Die Himmlischen Geheimnisse #0

Die Himmlischen Geheimnisse (Tafel/Horn)      

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DIE HIMMLISCHEN GEHEIMNISSE
die in der Heiligen Schrift oder im Worte des Herrn enthalten und nun enthüllt sind

Titel der lateinischen Urfassung von 1749-56:

ARCANA COELESTIA quae in Scriptura Sacra seu Verbo Domini sunt detecta: nempe quae in Genesi et Exodo una cum mirabilibus quae visa sunt in Mundo Spirituum et in Caelo Angelorum

Copyright 1998 by Swedenborg-Verlag Zürich

Übersetzung von J.F.I. Tafel, 1867-1869.
Schlussredaktion Friedemann Horn, 1998.

Satz und Herstellung: Swedenborg-Verlag Zürich Umschlaggestaltung: Johannes Horn Einband: Ehe GmbH, Radolfzell.

Orthographisch und typographisch revidierter Nachdruck der Basler Ausgabe von 1867-69

ISBN: 3-85927-250-0

INHALTSVERZEICHNIS:

VORWORT DES HERAUSGEBERS
VORBEMERKUNGENDES VERFASSERS

DES ERSTEN BUCHES MOSE:

1. KAPITEL, 6
2. KAPITEL, 67
3. KAPITEL, 190
4. KAPITEL, 324
5. KAPITEL, 460
6. KAPITEL, 554
7. KAPITEL, 701
8. KAPITEL, 832
9. KAPITEL, 971
10. KAPITEL, 1130
11. KAPITEL, 1279
12. KAPITEL, 1401
13. KAPITEL, 1535
14. KAPITEL, 1651
15. KAPITEL, 1778
16. KAPITEL, 1886
17. KAPITEL, 1985
18. KAPITEL, 2136
19. KAPITEL, 2312
20. KAPITEL, 2496
21. KAPITEL, 2610
22. KAPITEL, 2764
23. KAPITEL, 2901
24. KAPITEL, 3012
25. KAPITEL, 3230
26. KAPITEL, 3357
27. KAPITEL, 3490
28. KAPITEL, 3656
29. KAPITEL, 3758
30. KAPITEL, 3902
31. KAPITEL, 4061
32. KAPITEL, 4232
33. KAPITEL, 4336
34. KAPITEL, 4425
35. KAPITEL, 4536
36. KAPITEL, 4639
37. KAPITEL, 4665
38. KAPITEL, 4811
39. KAPITEL, 4960
40. KAPITEL, 5072
41. KAPITEL, 5191
42. KAPITEL, 5396
43. KAPITEL, 5574
44. KAPITEL, 5728
45. KAPITEL, 5867
46. KAPITEL, 5994
47. KAPITEL, 6059
48. KAPITEL, 6216
49. KAPITEL, 6328
50. KAPITEL, 6497

DAS ZWEITE BUCH MOSE:

1. KAPITEL, 6634
2. KAPITEL, 6713
3. KAPITEL, 6825
4. KAPITEL, 6939
5. KAPITEL, 7087
6. KAPITEL, 7183
7. KAPITEL, 7264
8. KAPITEL, 7378
9. KAPITEL, 7495
10. KAPITEL, 7628
11. KAPITEL, 7763
12. KAPITEL, 7822
13. KAPITEL, 8038
14. KAPITEL, 8125
15. KAPITEL, 8258
16. KAPITEL, 8395
17. KAPITEL, 8554
18. KAPITEL, 8641
19. KAPITEL, 8748
20. KAPITEL, 8859
21. KAPITEL, 8970
22. KAPITEL, 9123
23. KAPITEL, 9246
24. KAPITEL, 9370
25. KAPITEL, 9455
26. KAPITEL, 9592
27. KAPITEL, 9710
28. KAPITEL, 9804
29. KAPITEL, 9985
30. KAPITEL, 10176
31. KAPITEL, 10326
32. KAPITEL, 10393
33. KAPITEL, 10523
34. KAPITEL, 10598
35. KAPITEL, 10725
36. KAPITEL, 10750
37. KAPITEL, 10767
38. KAPITEL, 10782
39. KAPITEL, 10807
40. KAPITEL, 10832

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Emanuel Swedenborg (1688-1772) war bis zum Alter von 56 Jahren einer der produktivsten und vielseitigsten Naturforscher seiner Zeit. Nicht von ungefähr hat man ihn den „schwedischen Aristoteles“ genannt. Als er schließlich das bis heute ungeklärte LeibSeele-Problem anpackte, mußte er erkennen, daß die wissenschaftliche Methode, die ihn bisher von Erfolg zu Erfolg geführt hatte, gerade in dieser Frage grundsätzlich versagt. Die Seele gehört einem Bereich der Wirklichkeit an, der sich mit dieser Methode nicht fassen läßt. Eine daraus resultierende Lebenskrise löste sich in überwältigenden religiösen Erlebnissen.
1744. und 45 hatte er zwei Christuserscheinungen, die ihn veranlaßten, sein Leben radikal zu ändern und sich fortan nur noch geistig-religiösen Dingen zu widmen. Einzig sein Amt als hochgeachtetes Mitglied des schwedischen Reichstags behielt er bis ans Lebensende bei. Während 28 Jahren durfte er bei vollem Bewußtsein in den anderen Bereich der Wirklichkeit eintreten und seine zahlreichen Visionen und Auditionen schildern.

Zugleich widmete er sich der ihm gestellten Aufgabe, den tieferen Sinn der Bibel aufzuschließen, den wir heute als den symbolischen bezeichnen. Das wichtigste Ergebnis dieser Arbeit waren die zwischen 1747 und 1758 publizierten acht dicken Bände „Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes, die nun enthüllt sind.“ Der Inhalt zeigt anhand der Auslegung der beiden ersten Bücher Mose, daß die Bibel „das Buch der Seele“ ist und uns – wenn man ihre Bildersprache versteht – noch heute den Weg der wahren Menschwerdung aufzeigt. Die erste deutsche Übersetzung des Riesenwerkes wurde 1845 von dem Tübinger Universitäts-Prof. Dr. Immanuel Tafel an die Hand genommen. Bis 1863 erschienen in fünf Bänden die ersten 2605 von insgesamt 10837 Paragraphen, nämlich die Auslegung von Ka. 1 bis 20 des 1. Buches Mose. Nach Tafels Tod führte ein Übersetzer-Team die Arbeit zuende. Schließlich wurde das Gesamtwerk in 16 Bänden zwischen 1867 und 69 bei Ferdinand Riehm in Basel und Ludwigsburg gedruckt. Einzelne Bände wurden später nachgedruckt. Während Jahrzehnten war dann das Werk vergriffen und nur noch antiquarisch oder leihweise aufzutreiben. Als dann während des 2. Weltkriegs die deutsche Frakturschrift abgeschafft wurde und schließlich die nach dem Kriege Aufgewachsenen Mühe bekundeten, sie überhaupt noch zu lesen, stellte sich immer dringender die Frage, wie eine Neuauflage in der üblich gewordenen „lateinischen“ Schrift bewerkstelligt werden könnte. Da die enormen Kosten eines Neusatzes von rund 20 Millionen Anschlägen nicht aufzubringen waren, entschloß man sich 1965, in der 1961 gegründeten Hausdruckerei des Swedenborg Verlags Zürich eine „Studienausgabe” herauszubringen. Sie lag Anfang der siebziger Jahre in 8 Bänden und einem Ergänzungsband vor. Dieser enthielt die zahlreichen Texte, die Swedenborg zwischen die einzelnen Kapitel seiner Bibelauslegung eingeschoben hatte, die damit aber nur indirekt zu tun haben. Sie wurden nun zwecks leichterer Auffindung zusammengefaßt. Einzelne Bände dieser Studienausgabe mußten im Laufe der Jahre nachgedruckt werden.

Als der Verlag dann in den späten 80er Jahren auf „Desktop-Publishing“ umschaltete, gab man sich zunächst der Hoffnung hin, die Frakturschrift mit Hilfe eines entsprechend programmierten Scanners in Antiqua umsetzen zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht. Aber gerade als diese mühsamen Versuche aufgegeben werden mußten, meldete sich Herr Franz Kreuzwegerer, ein begeisterter Leser der Werke Swedenborgs, und teilte mit, daß er mithilfe seiner Gattin den gesamten Text der „Himmlischen Geheimnisse“ in der vorliegenden deutschen Fassung in den Computer eingegeben habe und dem Verlag unentgeltlich zur Verfügung stelle. Nun rückte ein Nachdruck in heutiger Schrift in den Bereich des Möglichen. Die unsere Finanzen übersteigenden Satzkosten fielen plötzlich dahin. Freilich erforderte die Aufbereitung des Textes noch einen erheblichen Zeitaufwand, war doch die altertümliche Orthographie zu korrigieren und mehrfach Korrektur zu lesen. Mehrere Personen beteiligten sich aufopfernd daran. Ihnen allen, vor allem aber Herrn und Frau Kreuzwegerer, sei hier der herzliche Dank des Verlags ausgesprochen.

Wer unvorbereitet in Swedenborgs Hauptwerk blättert, wird zumeist nicht recht wissen, was er damit anfangen soll – es sei denn, er stoße gerade auf eine Stelle, die ihn unmittelbar anspricht. Angelockt durch den Kurztitel „Himmlische Geheimnisse“ fühlt er sich zudem womöglich in seinen Erwartungen getäuscht, wenn er weniger über die geheimen Dinge des Himmels, dafür umso mehr über den „geistigen und himmlischen Sinn“, also über die symbolische Bedeutung der beiden ersten Bücher Mose erfährt – und nicht auf Anhieb versteht. Der volle Titel hätte ihn warnen können, lautet er doch: „Himmlische Geheimnisse, die in der Hl. Schrift enthalten und nun enthüllt sind“. Erst im Untertitel heißt es dann: „Zugleich die Wunderdinge, die in der Geisterwelt und im Himmel der Engel gehört und gesehen wurden.“

Der Großteil des riesigen Werkes dient also der sorgfältigen, von Vers zu Vers vorrückenden Auslegung der beiden ersten Bücher Mose, in deren Verlauf auch Tausende von anderen Bibelstellen behandelt werden. Wie angedeutet, geht es Swedenborg um den „himmlischen“ und „geistigen“ Sinn der Texte. Was den Letzteren betrifft, so bezieht er sich auf die Wiedergeburt oder wahre Menschwerdung des Menschen. Heute würde man ihn wohl den „psychologischen“ Sinn nennen oder von einer „Deutung auf der Subjektstufe“ sprechen.

Der „himmlische Sinn“ dagegen hat eigentlich bis heute keine Parallele in den verschiedenen Auslegungsmethoden, handelt er doch von der „Verherrlichung“ der Inkarnation Gottes in dem Menschen Jesus, dem „Christus“ oder „Sohn des Menschen“.

Der „buchstäbliche Sinn“, der die Theologen heute fast ausschließlich beschäftigt und zu dem sie viel Erhellendes erarbeitet haben, wird von Swedenborg im allgemeinen nicht näher behandelt, sondern als aus dem Wortlaut hervorgehend vorausgesetzt. Man muß auch bedenken, daß im 18. Jh. die zu seiner Erläuterung unerläßlichen Hilfswissenschaften noch in den allerersten Kinderschuhen steckten.

Eingestreut zwischen die einzelnen Kapitel der Bibelauslegung findet man Visionsberichte und theologische Abhandlungen, die Swedenborg später in erweiterter Form gesondert herausgegeben hat. Zu den Visionsberichten gehören auch die Kapitel über den „Homo Maximus“, den Größten oder – wie gewöhnlich übersetzt wird – „Großmenschen“.

Die Sprachgestalt der vorliegenden, über hundert Jahre alten Übersetzung erleichtert das Verständnis nicht. Aber dieser Mangel erklärt im Grunde auch nicht, weshalb es dem unvorbereiteten Leser schwer fällt, den Inhalt des Werkes zu erfassen; denn selbst das lateinische Original, acht Quartbände mit 4500 Seiten 1749-1756 in London publiziert, läßt ein rasches, ungehindertes Eindringen nicht zu. Dabei ist Swedenborgs lateinischer Stil denkbar klar und einfach. Es muß also wohl am Inhalt liegen, für dessen Verständnis vielen Lesern die Voraussetzungen fehlen. Darum soll hier einiges darüber gesagt werden.

1. Wissenschaft und symbolische Bibelauslegung

Zwei Jahrhunderte intensiver wissenschaftlicher Forschung auf allen Gebieten haben seit dem 18. Jahrhundert unser Weltbild aufs gründlichste verändert. Am sichtbarsten ist das der Fall auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Technik, nicht minder nachhaltig aber auch auf dem Gebiet der Humanwissenschaften, der Religionswissenschaft und der Theologie. Auf vieles ist ein neues Licht gefallen, das noch vor kurzem entweder im dunkeln lag oder aber durch das oft trügerische Licht einer unausgegorenen Aufklärung zu Unrecht ins Dunkel mittelalterlichen Aberglaubens verwiesen worden war.

Wie steht es nun in dieser Hinsicht mit Swedenborgs „symbolischer“ Bibelauslegung? Spricht die Forschung der letzten zweihundert Jahre für oder gegen ihre Berechtigung?

2. Swedenborg über Vorbildungen und Entsprechungen

Geben wir Swedenborg zunächst selbst das Wort über seine Auslegungsmethode! Wir werden sehen, daß es nur bedingt richtig ist, sie als eine symbolische zu bezeichnen, wie es heute üblich geworden ist. Sie geht nämlich nicht von der Annahme aus, daß der Wortlaut der Bibel Symbole, sondern daß er „Vorbildungen“ (Repräsentationen) und „Entsprechungen“ (Korrespondenzen) geistiger und himmlischer Wahrheiten enthält, teilweise sogar gänzlich daraus besteht. Über das Wesen dieser Vorbildungen und Entsprechungen, ohne deren Kenntnis jeder Versuch des Eindringens in die eigentlichen Tiefenschichten der Bibel oder anderer echter Mysterienschriften vergeblich wäre, äußert sich Swedenborg folgendermaßen:

„Wer nicht weiß, daß es eine geistige Welt gibt und daß sie sich von der natürlichen unterscheidet, kann auch nichts von den Vorbildungen und Entsprechungen wissen; denn das Verhältnis der Entsprechung besteht zwischen den Dingen der geistigen und denen der natürlichen Welt, und was von den geistigen Dingen her in den natürlichen existiert, sind Vorbildungen geistiger und himmlischer Dinge im Natürlichen“.

Gegen diese Behauptung wird sich vermutlich noch wenig Widerspruch erheben; denn daß die Realität in zwei verschiedene, miteinander in unerklärlicher Weise korrespondierende Bereiche, den des Stoffs und den des Geistes, gegliedert ist, liegt vor aller Augen. Anders wird es, wenn Swedenborg als Seher die geistige Welt folgendermaßen definiert:

„Sie ist allenthalben, wo Geister und Engel sind, während die natürliche Welt dort ist, wo die Menschen sind. Im besonderen aber ist die geistige und die natürliche Welt bei einem jeden Menschen: sein inwendiger Mensch ist für ihn eine geistige Welt, sein äußerer eine natürliche Welt. Die Dinge, welche aus der geistigen Welt einfließen und sich in der natürlichen darstellen, sind im allgemeinen Vorbildungen, und soweit sie zusammenstimmen, Entsprechungen.“

3. Gibt es eine geistige Welt?

Schon zu Swedenborgs Zeiten hatte sich von seiten der aufblühenden Naturwissenschaft starker Zweifel am „Geisterglauben“ geregt, und seit mehr als hundert Jahren ist unser ganzes abendländisches Bildungs- und Erziehungswesen darauf ausgerichtet, jeden Gedanken an das Vorhandensein von Geistern, Engeln oder Dämonen als mit dem wissenschaftlichen Weltbild unvereinbaren Aberglauben ins Lächerliche zu ziehen. In Tat und Wahrheit aber ist nicht nur die Naturwissenschaft bis heute den Beweis für das Nichtvorhandensein übersinnlicher Wesen schuldig geblieben, sondern erleben wir gerade in unseren Tagen als Ergebnis der „neuen Wissenschaft“ der Parapsychologie, was Hans Driesch, der große Biologe und parapsychologische Forscher, die „Rehabilitierung der Geister“ genannt hat.

Der Glaube an die Unsterblichkeit setzt nun aber das Vorhandensein einer gleichzeitig mit der materiellen Welt bestehenden geistigen Welt voraus, in der die von der Erde Abgeschiedenen als Geistwesen weiterleben können, sonst könnte nur von einer Auferweckung der nach Leib und Seele Toten bei der Wiederkunft Christi zum Weltende und allgemeinen Gericht die Rede sein. Aber Christus selbst setzt die Gleichzeitigkeit zweier Schöpfungs-Ebenen, der materiellen und der geistigen, sowie ein Fortleben unmittelbar nach dem Tode voraus, wie das auch bei den meisten anderen Hochreligionen der Fall ist. Und diese geistige Welt ist nicht etwa weniger real, sie ist im Gegenteil realer als die materielle! Das Leben darin ist intensiver, weil frei von körperlichen Begrenzungen.

Wie Jesus über ein Fortleben nach dem Tode dachte und lehrte, erfährt man im Werk „Himmel und Hölle“.

4. Von der Rangordnung der beiden Welten

Aber die Anerkennung der Existenz einer zweiten Daseinsebene jenseits unserer körperlichen Sinne allein genügt noch nicht. Um das Wesen der Vorbildungen und Entsprechungen zu erfassen, muß man auch etwas von ihrem Verhältnis zur sichtbaren Welt, besser gesagt, von ihrer Rangordnung dieser gegenüber wissen. Swedenborg kleidet es in folgende Sätze:

„Daß das Natürliche Geistiges vorbildet oder ihm entspricht, kann man auch daraus wissen, daß das Natürliche keineswegs existieren könnte, wenn nicht aus einer früheren Ursache, das heißt aus dem Geistigen. Natürliches, dessen Ursache nicht von daher abgeleitet wäre, kann es nicht geben. Die natürlichen Formen sind Wirkungen… Somit bilden alle natürlichen Dinge etwas vor, das den geistigen Dingen angehört, denen sie entsprechen – ja die geistigen Dinge ihrerseits bilden wiederum etwas vor, das zu den himmlischen Dingen gehört, aus denen sie selbst stammen.“

Swedenborg kennt nur eine Quelle des Lebens: Gott, den Schöpfer. Er setzt die Endzwecke, die letzten Ziele für alles, was er schafft. Die geistigen Welten aber – und dazu gehört auch der irdische Mensch als ein geistiges Wesen – hat Gott dazu bestimmt, daß sie an der Verwirklichung seiner Ziele mitarbeiten, indem sie in Freiheit die entsprechenden Ursachen dessen setzen, was dann in der materiellen Welt zur Wirkung im Letzten, im Äußersten der göttlichen Schöpfung führt. Die geistige Welt ist daher die „Welt der Ursachen“, die natürliche die „Welt der Wirkungen“. Wenn dem aber so ist, dann ist Swedenborgs Folgerung vollkommen logisch:

„Aufgrund langjähriger Erfahrungen weiß ich, daß in der natürlichen Welt und ihren drei Reichen gar nichts existiert, was nicht etwas in der geistigen Welt vorbildet, bzw. was nicht dort etwas hätte, dem es entspricht… Der Mensch kann, solange er im Körper lebt, wenig davon fühlen und innewerden, denn das Himmlische und Geistige bei ihm fällt ins Natürliche seines äußeren Menschen, und hier verliert er die Empfindung und das Innewerden derselben. Das Vorbildende und Entsprechende seines äußeren Menschen ist auch so beschaffen, daß es demjenigen keineswegs zu gleichen scheint, dem es im inneren Menschen entspricht und welches es vorbildet. Daher kann der Mensch keine Kenntnis von ihnen haben, bevor er selbst nicht jener Äußerlichkeiten entkleidet ist. Selig dann, wer in Entsprechung ist, das heißt, wessen äußerer Mensch seinem inneren entspricht.“

Erst ein solcher Mensch ist Swedenborg zufolge wieder ganz. Er sagt einmal: „Gott will den Menschen, den er wiedergebiert, ganz haben und nicht nur zum Teil“. Hier sind wesentliche Gedanken des modernen Menschenbildes bereits in aller Deutlichkeit niedergelegt und warten nur darauf, entdeckt und einbezogen zu werden.

5. Verlust der Beziehung zur geistigen Welt

Die Veräußerlichung, d.h. die Überbewertung der mit den körperlichen Sinnen wahrnehmbaren äußeren Dinge gegenüber den nur durch Verinnerlichung zu erfahrenden Erscheinungen der inneren, geistig-himmlischen Bereiche ist das Ergebnis dessen, was die Bibel mit dem „Sündenfall“ bezeichnet. Vorher war es so, wie wir es noch heute in schwacher Andeutung bei einigen Naturvölkern beobachten können, für die die gesamte sie umgebende Natur Ausdruck geistiger Potenzen ist, wohl am schönsten beschrieben von Laurens van der

Post in seinen Büchern über die Buschmänner der Kalahari-Wüste. Bei Swedenborg heißt es:

„Weil die Menschen der Ältesten Kirche in den einzelnen Erscheinungen der Natur etwas Geistiges und Himmlisches erblickten, so daß die natürlichen Dinge ihnen nur zu Gegenständen des Nachsinnens über die geistigen und himmlischen Dinge dienten, konnten sie mit den Engeln reden und mit ihnen im himmlischen Reiche des Herrn beisammensein, während sie selbst noch seinem Reiche auf Erden, der Kirche, angehörten. Bei ihnen war so das Natürliche mit dem Geistigen verbunden und entsprach völlig. Anders wurde es nach jenen Zeiten, als das Böse und Falsche zu herrschen anfing … Da wurde, weil kein Entsprechendes mehr vorhanden war, der Himmel verschlossen – so weit, daß die Menschen schließlich kaum mehr wissen wollten, daß es etwas Geistiges, ja nicht einmal, daß es einen Himmel und eine Hölle sowie ein Leben nach dem Tode gibt.“

6. Der Entsprechungscharakter unseres Körpers

Dabei muß gar nicht weit suchen, wer eine Vorstellung davon erlangen will, was unter Vorbildungen und Entsprechungen zu verstehen ist. Sie sind nämlich vor allem einmal in uns selbst zu fin-den, und wir machen ununterbrochen von ihnen Gebrauch, ohne daß wir uns darüber Rechenschaft geben:

„Um einen Begriff von den Vorbildungen und Entsprechungen zu gewinnen, denke man nur daran, wie Denken und Wollen, die doch dem Gemüt angehören, derart aus dem Antlitz hervorzuleuchten pflegen, daß sie in dessen Mienen erscheinen. Wenn nun Antlitz und Gemüt zusammenstimmen, so sagt man, daß sie einander entsprechen. Die Mienen des Angesichts selbst aber bilden vor, sind Vorbildungen. Dasselbe gilt für Körperbewegungen sowie für alle Handlungen, die von den Muskeln ausgeführt werden. Sie alle geschehen bekanntlich gemäß dem, was der Mensch denkt und will. Die Bewegungen und Handlungen als solche sind zwar etwas Körperliches, bilden aber Seelisches vor, sind also Vorbildungen.“

Aber Swedenborg geht, was den Entsprechungscharakter unseres Körpers betrifft, noch viel weiter; er schreibt:

„Es ist eines der größten Geheimnisse vor der Welt… , daß alles im menschlichen Körper Himmlischem entspricht, und zwar soweit, daß nicht das allerkleinste Teilchen darin zu finden ist, dem nicht etwas Geistiges und Himmlisches oder – was dasselbe ist – himmlische Gesellschaften entsprächen. Diese himmlischen Gesellschaften bestehen nämlich aus allen Gattungen und Arten des Geistigen und Himmlischen und sind derart geordnet, daß sie zusammen einen einzigen Menschen darstellen … Daher wird auch der Himmel in seiner Ganzheit als der ,Homo Maximus‘, der Größte Mensch, bezeichnet.“

Diesem „Homo Maximus“ und seiner geheimnisvollen Bezie
hung zum menschlichen Körper hat Swedenborg in den „Himmlischen

Geheimnissen“ eine ganze Reihe von Zwischenkapiteln gewidmet.

7. Der Entsprechungscharakter der ganzen Welt

Von hier aus versteht man eher, was Swedenborg über den Ent
sprechungscharakter der ganzen sichtbaren Welt anhand einiger Bei
spiele sagt:

„… Daher beschrieben die Griechen gewöhnlich die Sonne, die Bezeichnung der Liebe, durch einen Wagen mit vier feurigen Rossen, den ihr Gott der Weisheit und Einsicht lenkte. Den Ursprung der Wissenschaft aus dem Verstand stellten sie als fliegendes Pferd dar, dessen Huf eine Quelle aufbricht, an der Jungfrauen sitzen, die die Wissenschaften symbolisieren ... Auch heute sind das fliegende Pferd, der Pegasus, und die Quelle Symbole von Vernunft und Bildung als überkommener Brauch von den alten Griechen. Kaum jemand kennt aber den mystischen Sinn des Pferdes als das Verständige und der Quelle als Wahrheit.“

Diese sich in Entsprechungen und Vorbildungen des Buchstabens kleidende Offenbarung bedingt, wie Swedenborg sagt,

„daß jedes Wort (der Hl. Schrift) bis auf das allerkleinste Jota – man muß hinzufügen: soweit es nicht bei der Überlieferung verändert wurde

– Geistiges und Himmlisches in sich schließt, und daß die Hl. Schrift inspiriert ist. Das heißt: wenn sie von einem Menschen gelesen wird, so fassen es die bei ihm weilenden Engel und Geister sogleich geistig auf, gemäß den Vorbildungen und Entsprechungen. Aber diese Wissenschaft, die von den Alten nach der Sintflut so ausgebildet und geschätzt worden war, und durch die sie in Gemeinschaft mit den Geistern und Engeln den-ken konnten, ist in der jetzigen Zeit völlig in Vergessenheit geraten – so sehr, daß kaum jemand glaubt, daß es sie gibt, und die es glauben, halten sie nur für etwas Mystisches, das keinen Nutzen hat. Dahin konnte es nur kommen, weil der Mensch derart weltlich und fleischlich geworden ist, daß er, sobald auch nur das Geistige und Himmlische genannt wird, ein Widerstreben, einen Überdruß, ja einen Ekel empfindet. Was wird er nun im anderen Leben tun, welches ewig währt und wo nichts Weltliches und Körperliches, sondern nur Geistiges und Himmlisches ist, welches das Leben im Himmel ausmacht?“

Swedenborg hat die Wiederbelebung der – namentlich im Abendland – lange Zeit in Vergessenheit geratenen Wissenschaft von den Vorbildungen und Entsprechungen als den wichtigsten Teil seiner Sen-dung betrachtet. Auf das grundlegende Gesetz der Entsprechung zwischen dem Geistigen und dem Natürlichen war er bereits während seines Forschens nach dem Zusammenhang zwischen Seele und Leib in den seiner religiösen Berufung unmittelbar voraufgehenden Jahren gestoßen. In der visionären Schau, die immer den engsten Zusammenhang mit seinem intensiven Bibelstudium wahrt, wird ihm dann in überwältigender Deutlichkeit klar, daß die innere Struktur der Bibel in ihrem Verhältnis zwischen Geist und Buchstabe, innerem und äußerem Sinn, dasselbe Grundgesetz der Schöpfung widerspiegelt.

Aber Swedenborg begnügt sich nicht mit dieser allgemeinen Behauptung, er bemüht sich vielmehr um den Nachweis im einzelnen. Daß er dabei systematisch vorgeht und alle biblischen Vorbildungen und Entsprechungen letztlich auf ein sehr einfaches Koordinatensystem bezieht, dessen Achsen durch die Begriffspaare gut/böse, wahr/falsch gekennzeichnet sind, wird ihm nur Unverstand als Einseitigkeit ankreiden wollen. In Wirklichkeit gelingt es ihm auf diese Weise, die uns oft historisch so fernliegenden Texte der Bibel auf unser sittliches und religiöses Leben zu beziehen und sich dabei doch immer im Rahmen des Nachweisbaren zu halten. Freilich benötigt der Leser, kommt es ihm auf den Beweis an, häufig einen langen Atem. Er muß sich eine gründliche Kenntnis der Swedenborg’schen Bibelauslegung erwerben, ehe er den lückenlosen Zusammenhang überblickt, der sie charakterisiert. Nur beharrliches Studium (möglichst mithilfe einer Konkordanz) zeigt, daß es sich bei den Entsprechungen um eine durchgehende Gesetzmäßigkeit in der Struktur der Bibel handelt, so daß, was an einer Stelle über die geistige Bedeutung eines Begriffs ausgesagt wurde, auch an anderen Stellen – selbstverständlich in der dem jeweiligen Zusammenhang gemäßen Abwandlung – seine Gültigkeit behält. So versteht man, daß der geduldige Leser reich belohnt wird, während der flüchtige, vielleicht von vorneherein negativ eingestellte Leser leer ausgeht.

8. Was sagt die wissenschaftliche Forschung zu alledem?

Wie nimmt sich nun, was Swedenborg über die Vorbildungen (das von ihm verwendete lateinische Wort ist „repraesentatio“) und Entsprechungen sowie über die „Wissenschaft der Entsprechungen“ bei den Alten sagt, vor dem Hintergrund der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus? Einige Zitate aus der religionswissenschaftlichen Literatur unserer Tage müssen genügen, um zu belegen, daß Swedenborg mit seiner Entdeckung in der Tat eine Goldader angeschlagen hat, und daß seine Auslegungsmethode vorwegnimmt, was als neueste wissenschaftliche Einsicht gilt.

Wir stellen an den Anfang einige Sätze aus einer Arbeit des Bonner Gelehrten Jürgen Rausch über „Mythische und technische Existenz“. Darin begegnen sogar die gleichen Fachausdrücke wie bei Swedenborg, so daß die Parallelen deutlich sichtbar werden. Rausch schreibt:

„Im Alten Testament heißt es, der Mensch sei nach dem Bilde Gottes geschaffen … In diesem Gedanken liegt sehr viel, jedenfalls mehr, als manche Menschen mit dem Schlagwort ,Anthropomorphismus‘ glauben erledigen zu können. Denn zuerst liegt darin, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes, nicht aber Gott nach dem Bilde des Menschen geschaffen sei. Nicht also wird hier Gott anthropomorph gesehen, sondern umgekehrt, der Mensch theomorph. Da aber diese besondere Bildhaftigkeit nicht nur eine Gabe, sondern eine Aufgabe ist, heißt es, der Mensch habe darzustellen, was Gott sei.“

„Diese Darstellung des Göttlichen, der Ordnung, des Ursprungs … hat der mythische Mensch in seinem das ganze Leben erfassenden Kult geleistet. Sein Kalender, seine Gesellschaftsordnung, seine Bauweise, seine Maß- und Gewichtssysteme, seine Kleidung und natürlich seine Kulthandlungen im engeren Sinne tragen alle einen das Göttliche vergegenwärtigenden, also einen im Wortsinn repräsentativen Charakter.“

Swedenborg hat den repräsentativen oder vorbildenden Charakter des Kultes der Menschheit des Altertums schon vor über zweihundert Jahren klar erkannt und immer wieder bis ins einzelne beschrieben, so besonders deutlich in seinem dogmatischen Hauptwerk „Die wahre christliche Religion“, wo er zugleich auch betont, daß das, was die Grundlage dieses Kultes bildete, nämlich die Idee der Entsprechung der beiden Schöpfungsebenen, nach wie vor Gültigkeit hat, einfach weil sie in der Wirklichkeit gründet:

Es „ist mir gezeigt worden, daß … alles bis ins einzelnste geistigen Din-gen entspricht. Man hat aber bisher nicht gewußt, was Entsprechung ist. In den ältesten Zeiten hingegen war es vollständig bekannt; denn für die Menschen der damaligen Zeit war es eine eigentliche Wissenschaft, ja die Wissenschaft und so allgemein bekannt, daß sie all ihre Bücher und Schriften in Entsprechungen schrieben … Das Wesen aller alten Kirchen bestand darin, daß sie Geistiges vorbildeten (repräsentierten). Ihre Riten und Satzungen … bestanden in lauter Entsprechungen. Ebenso war es bei den Kindern Israel: Die Brandopfer und Sühnopfer, sowie die Speise- und Trankopfer waren bis in die Einzelheiten ihres Vollzugs hinein Entsprechungen, ebenso die Stiftshütte mit allem Drum und Dran, auch ihre Festzeiten … ferner das Priestertum … sowie die heiligen Gewänder … Hinzugefügt werden soll noch, daß auch alle Satzungen und Rechtsbestimmungen, die ihren Gottesdienst und ihr Leben betrafen, Entsprechungen waren. Da sich also die göttlichen Dinge in der Welt als Entsprechungen darstellen, so ist auch das Wort Gottes in lauter Entsprechungen geschrieben, und deshalb bediente sich der Herr, der ja aus dem Göttlichen heraus sprach, ebenfalls der Entsprechungen. Denn was aus dem Göttlichen hervorgeht, das fällt in der Natur in solche Dinge hinein, die den göttlichen Dingen, die man auch himmlisch und geistig nennen kann, entsprechen und die sie dann gleichsam in ihrem Schoße bergen.“

Wenn wir bei Rausch weiterlesen, so könnte man – abgesehen

von der etwas anderen Diktion – meinen, es handle sich um die Fort
setzung des obigen Swedenborg-Zitats:

„Sein Leben wird also gelebt als Feld für die Darstellung eines höheren, mächtigeren Seins, das ,Götter‘, ,Mächte‘ oder wie immer heißen kann, und die Ordnung dieses Lebens ist heilig, weil in ihr sich das himmlische Muster ausdrückt. Wie man das Leben der Geschlechter regelte, wie man Städte baute und Tote begrub, was man nicht aß und nicht berührte – alles diente zur Repräsentation, also zur Vergegenwärtigung einer höheren Wirklichkeit in dieser Realität. Diese Vergegenwärtigung war eine Antwort des Menschen auf den Anspruch … der Götter. Antworten ist aber sprachlich dasselbe wie entsprechen. Dieser Mensch erlebte sich also als ein ,entsprechendes Wesen‘. Die Entsprechung bestand in der Darstellung des Göttlichen. Das Göttliche erschien, und dies umso leichter, als man die Realität gewissermaßen für transparent oder porös hielt: Die Transparenz konnte sie an jeder Stelle und zu jeder Zeit heiligend durchdringen und sie durch die-sen vertikalen Einbruch herauslösen aus den horizontalen Bezügen.“

In diesem Zusammenhang dürfte interessieren, was Swedenborg über die repräsentative bzw. vorbildende Bedeutung des Altars bei den Hebräern schreibt:

„Der Altar, auf dem sie opferten, war die wichtigste Vorbildung (repraesentatio) des Herrn. Deshalb bildete er die Grundlage des Gottesdienstes der Alten Kirche, welche als hebräische bezeichnet wurde, und deshalb war auch alles und jedes, woraus der Altar errichtet wurde, vorbildend, z.B. seine Größenverhältnisse, also Höhe, Breite und Länge, seine Steine, sein netzförmiges Gitter aus Erz, seine Hörner, ferner das Feuer, das beständig darauf unterhalten wurde, sowie die Schlacht- und Brandopfer, die darauf dargebracht wurden. Das Wahre und Gute, das des Herrn ist und von ihm stammt, war es, was sie vorbildeten. Dieses Wahre und Gute war das Innere ihres Gottesdienstes … Höhe, Breite, Länge des Altars bezeichneten das Gute, das Wahre und das daraus entstehende Heilige. Die Steine bedeuteten die untergeordneten Wahrheiten, das Erz des netzförmigen Gitters um den Altar das natürliche Gute, die Hörner die Macht, die dem Wahren eignet, das im Guten verankert ist, das Feuer auf dem Altar die Liebe; die Schlacht- und Brandopfer schließlich das Himmlische und Geistige, gemäß ihren verschiedenen Arten… Aber die Angehörigen der Ältesten Kirche kümmerten sich nicht um diese äußeren Dinge, weil sie innerliche Menschen waren und der Herr auf dem inneren Wege bei ihnen einfloß und sie über das Gute und Wahre belehrte. Die Mannigfaltigkeiten und Unterschiede des Guten bildeten bei ihnen die Wahrheiten. Von daher wußten sie, was alle weltlichen Dinge im Reich des Herrn vorbildeten; denn die ganze Welt ist ein Schauplatz von Vorbildern des Reiches des Herrn.“

Dies deckt sich auch völlig mit den Ansichten eines anderen führenden Religionshistorikers unserer Zeit, M. Eliade, in „Kosmos und Geschichte“:

„Das rohe Produkt der Natur und nicht weniger der durch menschliche Hand bearbeitete Gegenstand erlangen (für den archaischen Menschen) Wirklichkeit und Identität nur in dem Maße, als sie einer transzendenten Wirklichkeit teilhaftig sind. Ein Akt erhält Sinn und Wirklichkeit ausschließlich in dem Maße, als er eine urtümliche (d.h. transzendentale, himmlische) Handlung wiederholt.“

Eliade führt viele Beispiele an, um „die Struktur dieser archaischen Ontologie (d.h. Seins-Lehre) besser zu erkennen“, und gliedert sie nach folgenden Gesichtspunkten:

„1. Beispiele, die uns zeigen, daß für den archaischen Menschen die Wirklichkeit eine Funktion der Nachahmung eines himmlischen Urbilds ist (das von Swedenborg verwendete lateinische „repraesentatio“ heißt zugleich auch Darstellung oder Nachahmung – d. H.);

2. Beispiele, die uns zeigen, wie die Wirklichkeit verliehen wird durch die Teilhabe an der ,Symbolik des Mittelpunkts‘: Städte, Häuser werden wirklich, weil sie dem ,Mittelpunkt der Welt‘ ähnlich gemacht werden;

3. schließlich die bezeichnenden Riten und Profanhandlungen, die den ihnen beigelegten Sinn nur verwirklichen können, weil sie mit Vorbedacht Akte wiederholen, die ab origine (d.h. vom Ursprung her) von Göttern, Heroen oder Ahnen gesetzt worden sind.“

Unter dem Titel „Himmlische Archetypen“ (d.h. Urbilder) von Ländern, Tempeln und Städten“ erwähnt Eliade die alte iranische Schöpfungslehre. Darin

„entspricht jedes irdische Phänomen einem himmlischen, transzendenten, unsichtbaren Wort, einer ,Idee‘ im platonischen Sinn. Jedes Ding, jeder Begriff erscheint unter einem doppelten Aspekt: dem des menok und dem des getik. Es gibt einen sichtbaren Himmel: also gibt es auch einen menok-Himmel, der unsichtbar ist. Unsere Erde entspricht einer himmlischen Erde. Jede Kraft hier unten . . . besitzt ein himmlisches Gegenstück, das die wahre Wirklichkeit darstellt. . . Die Schöpfung ist ganz einfach doppelt.“

Als Beispiele aus dem biblischen Bereich werden von Eliade vor allem der Tempel und die heilige Stadt der Juden, Jerusalem, erwähnt:

„Auf dem Berg Sinai zeigt Jahve Moses die ‚Gestalt‘ des Heiligtums, das dieser ihm bauen soll: ,Wie ich dir ein Vorbild der Wohnung und aller ihrer Geräte zeigen werde, so sollt ihr es machen (2 Mose 25, 8-9). ,Und siehe zu, daß du es machst nach ihrem Bilde, das du auf dem Berge gesehen hast‘ (2 Mose 40). Ähnliches gilt auch für die heilige Stadt: ‚Ein himmlisches Jerusalem ist von Gott geschaffen worden, bevor die Stadt Jerusalem von Menschenhand erbaut wurde‘.“

Was die von Eliade als besonders wichtig betrachtete „Symbolik des Mittelpunkts“ bei den archaischen Menschen betrifft, so hat sich auch ein anderer französischer Forscher, Rene Guénon, der Begründer der Lehre von der „Heilen Überlieferung“, intensiv damit befaßt, wobei er mehrfach auf Swedenborg, besonders auf dessen Lehren vom sogenannten Alten Wort, verweist. In einer Weise, die unmittelbar an dessen Theorie – besser gesagt: Schau – erinnert, zeigt er, daß die großen religiösen Zentren das geheimnisvolle Zentrum der Welt „abbilden“ oder „darstellen“, von dem die Urtradition weiß.

Henry Corbin, ein anderer führender französischer Religionswissenschaftler unserer Tage, hat mehrfach auf die erstaunlichen Parallelen zwischen der alt-iranischen Mystik und der Schau Swedenborgs hingewiesen. Kein Wunder, daß Corbin zu den Bewunderern Swedenborgs zählt, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil dieser, ohne von einer noch lebendigen Überlieferung getragen zu sein, wie die iranischen Mystiker, zu seinen Ergebnissen gekommen ist, was auf einen ganz ungewöhnlichen Grad der Erleuchtung schließen läßt.

In neuester Zeit hat der Paderborner Theologe, Philosoph und Psychoanalytiker Eugen Drewermann in seinem umfangreichen Werk „Tiefenpsychologie und Exegese“ eindrucksvoll gezeigt, daß die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung – so viel Wertvolles sie auch über die unterschiedlichen Formen der überlieferten Texte erarbeitet hat – nichts zur religiösen Interpretation der Texte beizutragen vermag.

9. Hat uns diese Schau heute noch etwas zu sagen?

Wir könnten mit ähnlichen Hinweisen und Zitaten lange fortfahren, aber dem aufmerksamen Leser dürfte längst klar geworden sein, daß unsere Behauptung, Swedenborgs Auslegungsmethode habe Erkenntnisse der modernen Religionswissenschaft auf ihrer Seite, keineswegs abwegig ist. Ob wir die Auffassung des archaischen oder mythischen Menschen vom Aufbau und Zusammenhang der geistig-himmlischen und der materiellen Welt noch zu teilen vermögen, steht freilich auf einem anderen Blatt. Sicher aber ist, daß die Bibel schon deshalb nur unter ständigem Bezug darauf ausgelegt werden kann, weil ihre Schreiber – wenn auch meist unbewußt – noch in dieser Tradition standen und nur so verstanden werden können.

Aber wenn wir uns ernsthaft fragen, was denn nun eigentlich heute gegen die Annahme jener vom archaischen Menschen geglaubten oder geschauten höheren Wirklichkeit spricht, deren Präsenz allein den raum-zeitlichen Dingen Wirklichkeit verleiht, so werden wir eingestehen müssen: nichts! Haben wir etwa nicht aufgrund der neuen und neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Einblick in einen allem Bestehenden zugrundeliegenden, also übergeordneten Plan, der von einer derart unglaublichen „Intelligenz“ zeugt, daß wir aus dem Staunen – sofern wir es nicht grundsätzlich verlernt haben – gar nicht mehr herauskommen und vor dem die von unseren Sinnen wahrgenommenen Dinge bloß als „letzte Wirkungen“ erscheinen? Und ist es nicht gerade dies, was der archaische Mensch mit seiner Unterscheidung zweier Schöpfungsbereiche, zweier Wirklichkeiten – einer urbildlichen und einer abbildlichen – auf seine Weise ausdrücken wollte?

Ohne Kenntnis von Swedenborgs epochemachender Bibelauslegung hat der Tübinger Gelehrte Wolfgang Kretschmer in seiner leider viel zu wenig beachteten Arbeit „Die Psychologische Weisheit der Bibel, Urbilder des Seins und Werdens im Schöpfungsbericht“ den Versuch unternommen, die Entsprechungen und Vorbildungen der drei ersten Kapitel der Bibel auf die Wachstumsprozesse der menschlichen Seele zu beziehen. Das Ergebnis trifft an erstaunlich vielen Punkten mit dem überein, was Swedenborg vor gut 200 Jahren darüber in den entsprechenden Kapiteln der „Himmlischen Geheimnisse“ und anderswo schrieb. Im Zusammenhang mit seiner Deutung von 1 Mose 1, 26 – „herrschet über die Fische des Meeres usw.“ – sagt Kretschmer:

„Gott gibt nie rein technische Aufträge, am wenigsten in einem Schöpfungsmythos, der den Urgrund der Welt beschreibt. Auch die Bauanweisung der Arche Noah kann uns nur als Anleitung zur inneren Rüstung ,angehen‘. Echte Mysterienbücher sind so sehr innerlich, so sehr um Erkenntnistiefe und sittliche Wandlung bemüht, daß sie keine technischen oder organisatorischen Aufträge schildern, die nicht engstens auf die Seele bezogen wären. Danach haben wir zu suchen, gleich ob unser historisch-gegenständliches Interesse sich befriedigen läßt oder nicht. Die Bibel vertritt vom ersten bis zum letzten Blatt den Primat des Inneren, selbst da, wo sie Schlachten und formale Gesetze mitteilt.“

Die Übereinstimmung mit Swedenborg ist offenkundig, und so erstaunt es denn auch kaum, daß Kretschmer in seinem Geleitwort zur Neuausgabe der beiden ersten Kapitel der „Himmlischen Geheimnisse“ schreibt:

„Als ich seinerzeit dabei war, die beiden ersten Kapitel des Buches der Schöpfung zu erläutern, kannte ich Swedenborgs entsprechende Vorarbeit noch nicht. Nachdem ich nunmehr den Text des Anfanges der ,Himmlischen Geheimnisse‘ in seiner klaren Neufassung gelesen habe, ist es mir eine Freude, dazu Stellung zu nehmen.“

Kretschmer kommt zunächst auf die unterschiedlichen Bedingungen zu sprechen, die Swedenborg zu seiner Zeit vorfand, und fährt fort:

„Wenn meine Untersuchungsergebnisse dennoch verschiedentlich mit den Positionen Swedenborgs in frappanter Weise übereinstimmen, so liegt das am methodischen Vorgehen, d.h. am Suchen nach dem ,inneren Sinn‘, dem symbolischen Gehalt des Textes … Im übrigen glaube ich, daß es kaum jemand bedauern wird, durch die Fülle anregender Gedankengänge hindurch die Gestalt jenes Mannes zu erblicken, der als der klassische Meister symbolischer Bibelauslegung in der Neuzeit angesehen werden muß.“

10. Scheinbare oder relative Wahrheiten in der Bibel

Noch ein Letztes muß gesagt werden, um Swedenborgs Bibelauslegung recht würdigen zu können: Er hat erkannt, daß sehr vieles im Buchstaben so gesagt ist, wie es dem Menschen erscheint, nicht wie es ist. Dazu gehören die zahlreichen Aussprüche über Gottes Zorn und Strafgericht. Gottes Offenbarung paßt sich so dem mensch-lichen Verständnis an. Wenn Jesus – Gottes fleischgewordenes „Wort“ – ausdrücklich sagt, Gott sei gütig auch gegen die Undankbaren und Bösen, und wie Gott sollten auch wir unsere Feinde lieben (Lukas 6:36 f., Matthaeus 5:43-48), so ist klar, daß nichts von Zorn in Gott ist. Uns aber, die wir Gottes Liebesgebot mißachten, erscheinen oft die unausbleiblichen Folgen unseres Tuns fälschlich als Ausdruck von Gottes Zorn. Swedenborg spricht immer wieder von den „Scheinbarkeiten des Wahren“ (die oft dasselbe sind wie die „Projektionen“ der heutigen Psychologie). So meinen wir, weil wir uns selbst im Mittelpunkt stehen, statt um Gott zu kreisen, das Leben in uns selbst zu haben, während es doch unausgesetzt von Gott her in uns einfließt. Ein vortreffliches Beispiel, von Swedenborg mehrfach angeführt, bietet die Art, wie wir Menschen die Sonne sehen: Von unserem Standpunkt aus geht sie morgens auf und abends unter, während wir uns doch in Wirklichkeit kreisend um sie bewegen.

Friedemann Horn

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Übersetzung von J.F.I. Tafel, 1867-1869. Schlussredaktion Friedemann Horn, 1998.


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