Wahre Christliche Religion # 0

Wahre Christliche Religion      

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0. DIE WAHRE CHRISTLICHE RELIGION

Swedenborg-Verlag Zürich

VERA CHRISTIANA RELIGIO, continens universam THEOLOGIAM NOVAE ECCLESIAE a domino apud Danielem Cap. Daniel 7:13-14 et in Apocalypsi Cap. Offenbarung 21:1-2 praedictae, ab EMANUEL SWEDENBORG, Domini Jesu Christi servo Amstelodami MDCCLXXI

DIE WAHRE CHRISTLICHE RELIGION enthaltend die ganze THEOLOGIE DER NEUEN KIRCHE wie sie vom Herrn bei Daniel 7:13-14 und in der Offenbarung 21:1-2 vorausgesagt wurde. Von EMANUEL SWEDENBORG, einem Diener des Herrn Jesu Christi

Neu übertragen von Friedemann Horn Revidiert von Heinz Grob

Aufl age 2010 © 2010 by Swedenborg-Verlag Zürich Gesamtherstellung: Swedenborg-Verlag Zürich Printed in Germany ISBN 978-3-85927-226-2

DER «WAHREN CHRISTLICHEN RELIGION» ZUM GELEIT
von Prof. D. Dr. Ernst Benz

Das Werk der «Wahren Christlichen Religion» ist von einem hochgespannten religiösen Sendungsbewusstsein seines Verfassers Swedenborg getragen: „Ich bezeuge in Wahrheit, dass der Herr sich vor mir, seinem Knecht, geoffenbart und mich zu diesem Amt ausgesandt hat und dass er daraufh in das Gesicht meines Geistes geöffnet und mich auf diese Weise in die geistige Welt eingelassen hat und dies nun schon ununterbrochen viele Jahre hindurch. Ebenso bezeuge ich, dass ich meine Offenbarungen von dem ersten Tag jener Berufung an nicht etwa von irgendeinem Engel, sondern vom Herrn selbst empfangen habe.“ Dieses Werk erhebt den Anspruch, die Zusammenfassung und systematische Ordnung der Offenbarungen und geistigen Erkenntnisse zu sein, die Swedenborg auf Grund seiner Eröffnung des „inneren Gesichts“ zuteil wurden.

Der unbefangene Leser, der die bisher vorliegende deutsche Übersetzung der «Wahren Christlichen Religion» aufschlug und die literarische Gestalt und den Stil des Textes mit dem hohen Anspruch konfrontierte, kam leicht in die Versuchung, ein auffälliges Missverhältnis zwischen Anspruch einerseits und literarischer Form andererseits zu konstatieren.

Dies hängt einmal damit zusammen, dass unsere allgemeine Vorstellung von dem literarischen Stil religiöser Offenbarungen bestimmt ist durch den visionären Stil der Johannes-Apokalypse, der zum Modell der gesamten späteren christlichen Visionsliteratur geworden ist. Ein weiterer Grund ist die unbezweifelbare Tatsache, dass die bisher vorliegenden deutschen Übersetzungen in ihrem Stil hölzern und pedantisch waren und allzu sehr die lateinische Grammatik und Syntax des Originaltextes durchschimmern ließen.

Indessen wird man auch angesichts einer besseren deutschen Übersetzung der «Wahren Christlichen Religion» zu einem echten Verständnis dieses Werkes nicht vordringen können, wenn man die traditionellen Vorstellungen von Stil und Gehalt visionärer Literatur an dieses Werk heranträgt. Gerade in der sprachlichen Gestalt dieses abschließenden systematischen Werkes Swedenborgs, das gewissermaßen seine Summa Theologica darstellt, kommt die charakteristische Eigentümlichkeit seiner religiösen und intellektuellen Entwicklung zum Ausdruck.

Die lateinische Urfassung der «Wahren Christlichen Religion» nimmt auch in ihrer sprachlichen Gestalt innerhalb der zeitgenössischen Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein. Dieses Werk ist in einem Latein verfasst, das man als klassisch bezeichnen kann und das sich aufs Stärkste von der damals üblichen Begriffssprache sowohl der protestantischen Orthodoxie wie auch der zeitgenössischen Philosophie unterscheidet. Bei Swedenborg findet sich keine der komplizierten künstlichen philosophischen und theologischen Begriffsbildungen, wie sie in der protestantischen Neuscholastik unter dem Einfluss der von Melanchthon herbeigeführten Aristoteles-Renaissance hervorgetreten waren. Ebenso wenig benutzte er die komplizierte Schulsprache der Universitäts-Philosophie, wie sie uns zum Beispiel in den lateinischen Jugendschriften Immanuel Kants entgegentritt. In der Sprache Swedenborgs machen sich vier Elemente bemerkbar, die gestaltend auf seine geistige und religiöse Entwicklung eingewirkt haben und die sich in seinem Schlusswerk zu einer einzigartigen Leistung verbinden: 1. der Humanismus, 2. die moderne Naturwissenschaft, 3. die Bibel und 4. der Bilder- und Symbolschatz seiner Visionen.

1. Swedenborg verrät in jeder Zeile seines Werkes, dass er in seiner Jugend die Schule des schwedischen Humanismus durchlaufen hat, der in seiner klassischen Klarheit und Einfachheit der Ausdrucksweise stärker von Erasmus und den deutschen und englischen Humanisten als von der fantasievolleren und stilistisch ausschweifenden Rhetorik des italienischen Humanismus beeinflusst ist. Die räumliche und sprachliche Ferne Schwedens von der lebendigen romanischen Sprachtradition bringt es mit sich, dass dem Prosastil des nördlichen Humanismus eine gewisse Pedanterie anhaftet, die erkennen lässt, dass hier eine dem eigenen Sprachgeist fremde Grammatik und Syntax gehandhabt wird – eine Tatsache, die gerade den Übersetzer vor schwierige Aufgaben stellt. Aufs Ganze gesehen ist aber auch Swedenborgs Stil durch diesen Zug zur einfachen Klarheit und Verständlichkeit charakterisiert, die sich darin ausdrückt, dass er sich eher an den einfachen Stil des Livius als an die komplizierten Perioden des taciteischen Stils hält.

2. Das zweite Stilelement, das man vielleicht gerade in einem theologischen Werk weniger vermutet, ist die starke Prägung seines Geistes durch die Sprache und das systematische Denken der modernen Naturwissenschaft. Es ist ja gerade die spezifische Eigentümlichkeit Swedenborgs, dass er – wie es Oetinger ausdrückt – „aus einem berühmten Philosophen ein Prophet und Seher worden“. Swedenborgs Geist ist durch die Anfänge seiner systematischen Naturforschung auf allen Gebieten der modernen Naturwissenschaft geformt worden. Dabei darf der starke Anteil nicht übersehen werden, den bei dem jungen Bergwerksassessor das Studium der modernen Technik einnahm. Diese Erziehung seines Denkens auf den verschiedensten Gebieten der modernen Naturwissenschaft hat bei ihm wesentlich zu einer Überwindung des traditionellen scholastischen Charakters beigetragen, der die Sprache der zeitgenössischen theologischen und philosophischen Wissenschaft kennzeichnet. Manche seiner Ausführungen über die Wirkungen Gottes in der Natur erinnern unmittelbar an entsprechende Kapitel aus den Werken der großen zeitgenössischen Naturforscher wie Swammerdam, Boerhave und andere bedeutende Philosophen, Zoologen und Ärzte, mit denen ihn Oetinger in seinem großen Werk «Swedenborgs irdische und himmlische Philosophie» zu Recht verglichen hat.

3. Das dritte Stilelement ist die Sprache der Bibel. Sicherlich hat gerade die starke Orientierung an der bildhaften Sprache des Alten Testamentes und der Evangelien dazu beigetragen, in seiner Sprache und seinem Denken jede Abweichung in eine abstrakte dogmatische Begriffssprache zu verhindern und auch sein wissenschaftlich systematisches Denken in einem einfachen und klaren Vorstellungs- und Bilderbereich zu halten. Allerdings ist gerade die Einstellung zur Sprache der Bibel bei Swedenborg durch ein systematisches Grundprinzip bestimmt, nämlich seine Lehre von den Entsprechungen, d. h. die Lehre, dass jedes Bild und jede Figur und jedes Ereignis der Heiligen Schrift die Entsprechung einer bestimmten himmlischen Wahrheit darstellt. Die Tatsache, dass Swedenborg die Schriften des Apostels Paulus nicht als Bestandteil des „Wortes“ betrachtet, sondern bereits als Interpretationen des Wortes, hat noch weiter zur Vereinfachung und Anschaulichkeit seines Denkens beigetragen, da er die zum Teil recht komplizierten theologischen Spekulationen des Apostels Paulus nicht als verbindliche Lehren der wahren christlichen Religion betrachtet.

4. Gerade an diesem Punkt der Auslegung des Wortes im Sinn der Lehre von den Entsprechungen setzt nun die Beziehung zu dem vierten Element ein, das sein Denken und seinen Stil geformt hat und die besondere Eigentümlichkeit Swedenborgs darstellt, nämlich seine visionären Begegnungen und Erfahrungen. Das Auffallende und Einzigartige an Swedenborg ist nicht nur, dass er Visionen hat, sondern dass er diese Visionen in einem ganz bestimmten Sinn interpretiert. Gerade diese Interpretation bedingt in hervorragender Weise die Eigentümlichkeit seines Stils und seiner Ausdrucksweise. In einem visionären Buch wie der Johannes-Apokalypse beherrschen die Visionen von Anfang an die gesamte Darstellung. Das Buch der Apokalypse ist sozusagen einfach die Beschreibung des visionären Films, der vor dem Auge des Sehers abläuft, und der Auditionen, die wie ein synchronisiertes Tonband diesen Film der Visionen begleiten.

Auch Swedenborg hat visionäre Erlebnisse, in denen Visionen und Auditionen miteinander verbunden sind. Aber diese Visionen haben einen ganz anderen Charakter. Sie illustrieren himmlische Wahrheiten, sie stellen bildhafte „Entsprechungen“ dar, deren geistiger Wahrheitsgehalt im Ablauf der Vision selbst begrifflich dargelegt wird. Seine Visionen sind im Grunde Veranschaulichungen, bildhafte Repräsentationen des inneren Sinns einer Stelle der Heiligen Schrift. Sie haben den Charakter von visionären Kommentaren zur Heiligen Schrift, die den inneren Sinn der Schrift «Die Wahre Christliche Religion» enthüllen. Dementsprechend werden auch literarisch die Visionen Swedenborgs in den Auf bau der «Wahren Christlichen Religion» als Memorabilien (Denkwürdigkeiten) eingeordnet. Diese Memorabilien sind Visionsberichte, die nicht an den Anfang, sondern an den Schluss der Darstellung einer bestimmten Lehre gestellt werden und die Wahrheit der betreffenden Lehre auf Grund der eigenen visionären Erfahrung ex visu et auditu (aus Gesehenem und Gehörtem) beweisen sollen. Bezeichnend ist auch, dass innerhalb dieser visionären Erfahrung selbst das lehrhafte Moment über die rein bildhaften und dogmatischen Vorgänge stark überwiegt. So reicht die systematische Struktur seines Denkens bis in den Bezirk seiner visionären Schauungen hinein. Seine Visionen sind nicht Visionen eines entrafft en Ekstatikers, sondern die Schauungen eines erleuchteten Verstandes.

So repräsentiert der Stil Swedenborgs die Grundstruktur seines Denkens, die durch eine eigentümliche Verbindung rationaler und religiöser Elemente charakterisiert ist und die Swedenborg selber mit den Worten beschreibt: „Es wird auch jeder durch das Natürliche zum Geistigen geführt, denn der Mensch wird natürlich geboren, zur Sittlichkeit erzogen und nachher vom Herrn geistlich gezeugt … Die von den Papisten überlieferte und von den Protestanten übernommene Lehre, dass man den Verstand in Theologendingen unter den Gehorsam des Glaubens gefangen nehmen müsse, hat die Kirche wieder verschlossen. Was könnte sie jetzt aufschließen, wenn nicht der vom Herrn erleuchtete Verstand?“

Die vorliegende Übersetzung hat versucht, diesen stilistischen und sprachlichen Besonderheiten gerecht zu werden, die natürliche Einfachheit, Kraft und Anschaulichkeit der Sprache Swedenborgs zum Ausdruck zu bringen. Die Übersetzung in die deutsche Sprache bietet natürlich gerade hier besondere Schwierigkeiten, da nun einmal Swedenborgs Denken selbst durch ein bestimmtes systematisches Ordnungsprinzip beherrscht ist, dem sich auch seine Visionen fügen und das die gewisse Pedanterie erklärt, mit der diese Ordnung durchgeführt wird und die sich auch in der neuen deutschen Übersetzung bemerkbar macht. Hier liegen gewisse Grenzen des Sprachgeistes selber vor: Ist doch die lateinische Sprache letzthin durch den ordnenden Geist des römischen Rechts und des römischen Staatsdenkens bestimmt, während hinter der deutschen Sprache die Tradition der mittelhochdeutschen Lyrik, des Heldenepos, des Minnesangs, die Sprache der deutschen Mystik und später die Sprache der spekulativen idealistischen Philosophie steht. Da der Übersetzer selbst das Thema der Einwirkungen Swedenborgs auf die Religionsphilosophie der deutschen Romantik und des deutschen Idealismus ausführlich untersucht hat, war er in einer besonderen Weise in der Lage, mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten einer Neuübersetzung ins Deutsche fertig zu werden.

Vorwort des Herausgebers

Das Werk «Die Wahre Christliche Religion», von Emanuel Swedenborg im Jahre 1771 in lateinischer Sprache und ab 1784 von verschiedenen Übersetzern mehrfach in deutscher Sprache veröffentlicht, bildet zugleich den Abschluss und einen der Höhepunkte der visionären Theologie des großen Schweden. Wenigen Menschen ist es vergönnt, noch im höchsten Alter – Swedenborg zählte 81 Jahre, als er 1769 mit der Arbeit an diesem monumentalen Werk begann – derartiges zu vollbringen. Der Marburger Kirchenhistoriker Ernst Benz spricht in seinem vorstehend abgedruckten Geleitwort mit Recht von einer einzigartigen Leistung.

Leider ließen sich tonangebende Vertreter der Wissenschaft und der Kirche aufgrund von Vorurteilen, mangelnder Kenntnis oder auch ausgesprochen bösem Willen dazu verleiten, Swedenborg als Erzphantasten unter allen Phantasten, als rasenden Schwärmer oder als nachweislichen Geisteskranken zu bezeichnen. Wenn Swedenborg dies war, dann waren es auch die Propheten und Apostel, ja letztlich Jesus selbst, und wir täten gut daran, unseren christlichen Glauben schleunigst gegen die angeblich realistischere Weltanschauung der Wissenschaft zu vertauschen. Denn der Vorwurf der Phantasterei, des Schwärmertums und der Geisteskrankheit kann im Falle Swedenborgs allein damit begründet werden, dass er Visionen und Offenbarungen hatte. Letztlich beruht aber alle Religion, und ganz besonders die christliche, darauf, dass einzelne begnadete Menschen einen Blick hinter jenen Vorhang werfen dürfen, der uns gewöhnlichen Sterblichen die geistige und göttliche Welt verhüllt, oder dass ihnen aus uns unzugänglichen Bezirken Offenbarungen zukommen, während wir anderen ihnen Glauben schenken, sei es weil unser Innerstes sich angesprochen fühlt, sei es weil wir selber ähnliche, wenn auch weit schwächere Erfahrungen gemacht haben. Der Leser wird mehr darüber in unseren Ausführungen im Anhang des 4. Bandes finden.

Das Besondere an Swedenborgs Schau und Offenbarung ist nun, dass sie von uns nicht das Opfer unseres Verstandesvermögens fordert, sondern im Gegenteil auf dessen Bedürfnisse Rücksicht nimmt, vorausgesetzt dass sie nicht bloßer Zweifelssucht, sondern dem Willen zur Wahrheit entspringen. In einer seiner großartigsten Visionen liest Swedenborg über der Eingangspforte des lichtdurchfluteten Tempels der neuen Kirche des Herrn die Inschrift: „Nunc licet“. Es zeigt sich, dass diese geheimnisvollen Worte bedeuten: „Nun ist es erlaubt, mit Hilfe des Verstandes in die Geheimnisse des Glaubens einzudringen“. Das „nun“ will sagen: nachdem die Hauptlehren der christlichen Religion in göttlichem Auftrag von Grund auf neu dargelegt worden sind und infolgedessen den Gesetzen der Vernunft nicht mehr zuwiderlaufen.

Die «Wahre Christliche Religion» ist zuletzt in den Jahren 1855-1859 von Prof. Dr. Immanuel Tafel, dem unermüdlichen Tübinger Vorkämpfer der Neuen Kirche im deutschen Sprachgebiet, ins Deutsche übersetzt worden. Von der letzten Auflage dieser gewissenhaften Arbeit waren bis vor einigen Jahren noch geringe Restbestände im Buchhandel erhältlich. Heute sind sie, wie alle anderen Ausgaben dieses Werkes, vollständig vergriffen. Aus Gründen, über die wir uns in der Vorrede zu Band 2 der «Swedenborg-Bücherei» ausführlich geäußert haben, kam ein Nachdruck oder eine Revision einer der bisherigen Übertragungen nicht in Frage. Sie waren vor allem samt und sonders zu wörtlich, um den heutigen Leser noch ansprechen zu können.

Wie aber sollte eine neue Übersetzung aussehen? Auch darüber haben wir am genannten Ort alles Nötige gesagt, so dass wir uns hier auf wenige allgemeine Hinweise beschränken können. Es galt vor allem, zwei Extreme zu vermeiden: einmal die sture Wortwörtlichkeit, und zum anderen die willkürliche Modernisierung um der Modernisierung willen. Es wäre ja nicht allein stilwidrig, Swedenborgs nüchternes Latein in modernes Roman- oder Zeitungsdeutsch zu verwandeln, das sich von jedermann ohne Schwierigkeit lesen ließe, es wäre auch ganz und gar unmöglich, ohne den kostbaren Inhalt zu verwässern. Zudem gilt es zu bedenken, dass Swedenborg im 18. Jahrhundert lebte und dachte, und dass er als peinlich exakter Wissenschaftler lebte und dachte. Seine Ausdrucksweise ist dadurch fest geprägt. Daran etwas Grundlegendes ändern zu wollen, um oberflächlichen Lesern zu gefallen, wäre gleichbedeutend mit Fälschung. Ebenso unangebracht wäre es aber andererseits, diese Ausdrucksweise Wort für Wort ins Deutsche zu übernehmen. Wer würde dann das Buch noch lesen? Außer jenen wenigen, die seinen kostbaren Inhalt bereits kennen, gewiss niemand; denn was im lateinischen Original oft schon kompliziert genug ist, würde im Deutschen vollends unerträglich. Übersetzen heißt: den ganzen Inhalt des Urtexts in die Sprache der Übersetzung so umgießen, dass nichts, nicht einmal eine Nuance, verloren geht. Aber welchem Übersetzer wäre dies je gelungen?

Dieser Anreicherung alter lateinischer Wörter mit neuen Inhalten steht andererseits oft eine zunehmende Verarmung oder Einengung der entsprechenden deutschen Wörter gegenüber. Der oben angeführte Satz aus der Vision des Tempels der neuen Kirche enthält ein bezeichnendes Beisiel dafür: „Nun ist es erlaubt, mit Hilfe des Verstandes in die Geheimnisse des Glaubens einzudringen“. Der heutige Gebrauch des Wortes Verstand kann zu der irrigen Vorstellung verleiten, dass Swedenborg einem dürren Intellektualismus in der Religion das Wort geredet hat. Erst der Zusammenhang der Stelle, in Verbindung mit einer Reihe weiterer Stellen, macht deutlich, dass das ganz und gar nicht der Fall ist.

Häufig wird behauptet, Swedenborg sei weitschweifig und wiederhole sich oft, seine Schriften sollten daher allesamt kräftig gekürzt werden. Es trifft zu, dass dadurch allen jenen Lesern gedient wäre, denen es in erster Linie auf rasche Information ankommt, über die man freilich ebenso rasch wieder zur Tagesordnung des gewohnten Denkens hinwegschreiten kann. Gerade darauf aber hat es Swedenborg nicht abgesehen. Es ist ferner richtig – und das ist kein Widerspruch – dass der vom Anfang bis zum Ende fortlaufend Lesende tatsächlich mancher Wiederholung entraten und aus einer knapperen Darlegungsweise Nutzen ziehen könnte. Aber Swedenborg rechnet nicht nur mit dem idealen Leser, und er ist sich zudem der Neuartigkeit und des Ungewöhnlichen vieler seiner Gedanken bewusst. So ist er lieber ein wenig umständlich, hat aber dabei Gewähr, dass auch einfache oder unzusammenhängend vorgehende Leser, die seine Bücher nur durchsehen oder bestimmter Punkte wegen nachschlagen, stets den Zugang zum Wesentlichen finden können. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass nicht auch Auszüge aus seinen Werken, die das Wichtigste knapp zusammenfassen, ihren Wert haben können. Im übrigen ist die Gliederung des Werkes so klar, dass man jederzeit die wesentlichen Gedanken herausziehen kann, ohne das Ganze von A bis Z lesen zu müssen.

Man hat auch gemeint, die zahlreichen Vergleiche, deren Swedenborg sich zur Beleuchtung seiner Gedanken bedient, trügen viel dazu bei, dass der Eindruck der Weitschweifigkeit entsteht, und daher den Vorschlag gemacht, hier kräftige Streichungen vorzunehmen. Aber diese Vergleiche haben ebenfalls ihren Sinn: Einfache Leser gelangen auf diese Weise besser zur Erkenntnis als durch zergliedernde Ableitungen aus dem Göttlichen Wort und aus der Vernunft (Nr. 131).

Schließlich wird zuweilen der Vorschlag gemacht, die vielen „memorabilia“, d.h. denkwürdigen Erlebnisse Swedenborgs in der visionären Schau, die gewöhnlich den Abschluss der einzelnen Abschnitte seiner Werke bilden, zu streichen. Sie seien, so hört man, dem Durchschnittsleser ohnehin ein Stein des Anstoßes; er gerate dadurch in Versuchung, alles, auch das in sich Einleuchtende, für eine Ausgeburt der Phantasie zu halten. Es ist richtig, dass sich viele an den Visionsberichten stoßen. Nicht nur typische Vertreter des naturwissenschaftlichen Materialismus, sondern auch protestantisch Aufgewachsene sind häufig voller Misstrauen gegenüber jeder Art übersinnlichen Erlebens. Da sie selbst meist nie etwas Ähnliches erlebt haben, meinen sie, andere könnten auch nichts wirklich Übersinnliches erleben, sondern phantasierten nur davon. Dabei sollte der Protestant wissen, dass sein Glaube auf der übersinnlichen Schau des Auferstandenen durch die Apostel und ersten Christen beruht. Und der Nachbeter der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise sollte sich klar darüber sein, dass gerade die entscheidenden Naturkräfte übersinnlich sind und nur an ihren Wirkungen erkannt werden können. Swedenborgs Lehre aber ist nicht zuletzt die Wirkung seiner visionären Schau.

Gewiss könnten seine Werke durch Streichung der Visionsberichte wesentlich verkürzt werden – allein der erste Band der «Wahren Christlichen Religion» würde dadurch von 300 auf 200 Seiten zusammenschmelzen –, aber die Visionen sind nun einmal die wichtigste Quelle der ihm gewordenen neuen Erkenntnisse! In einem Brief an Dr. Beyer, einen schwedischen Theologen seiner Tage, schreibt Swedenborg selbst darüber am 8. April 1766: „Am Schlusse eines jeden Kapitels befinden sich vom Text durch Sterne getrennte memorabilia, welche Sie gefälligst zuerst lesen wollen“ (es handelt sich um «Die Enthüllte Offenbarung»). Die Visionsberichte streichen wollen, hieße Grundlegendes streichen. Wer nicht bereit ist, seinen Standpunkt gegenüber diesem übersinnlichen Erleben zu ändern, wird ohnehin mit Swedenborgs Darstellung der wahren christlichen Religion nichts anfangen können. Wie sehr dieses Erleben ein Teil seiner Sendung ist, zeigen seine Worte: „Da mir der Herr die Gabe verliehen hat, all die Wunder in den Himmeln und unter den Himmeln zu sehen, so habe ich auftragsgemäß auch darüber zu berichten“ (WCR 188).

Diese Stelle spricht übrigens gegen die meist von katholischer Seite geäußerte Ansicht, was Swedenborg widerfahren sei, könne allenfalls unter die «Privatoffenbarungen» eingereiht werden, die der Herr von Zeit zu Zeit einzelnen Christen zuteil werden lasse. Nein, Swedenborg behauptet hier und an vielen anderen Stellen, in göttlichem Auftrag zu handeln, wenn er das ihm Offenbarte durch den Druck allen Menschen zugänglich macht. Er ist, wie Ernst Benz sagt, ein echter christlicher Prophet, weil seine Verkündigung der Kirche gilt.

Schließlich noch einige Hinweise zur äußeren Gestalt der neuen Übertragung:

1. Sämtliche „Anmerkungen unter dem Strich“ stammen von den Übersetzern. Sie sollen meist auf Zusammenhänge aufmerksam machen oder schwierige Ausdrücke erklären.

2. Die nummerierten Anmerkungen hingegen finden sich im zweiten Band. Es handelt sich dabei in der Regel um Auslassungen von Bibelzitaten, die für den Leser nicht von unmittelbarem Interesse sind – es sei denn, dass er geradezu theologische Studien betreiben möchte.

3. Die fortlaufende Nummerierung der einzelnen Paragraphen stammt von Swedenborg selbst und erleichtert wesentlich das Auffi nden und Nachschlagen bestimmter Stellen in den zahlreichen verschiedenen Übersetzungen und Ausgaben. Die oben zitierte Stelle aus der Vision des Tempels der neuen Kirche mag in einer Ausgabe auf Seite 622, in einer anderen auf Seite 330 und in einer dritten auf Seite 584 stehen, aber überall findet man sie auf den ersten Anhieb unter der Nummer 508.

Bemerkungen zur revidierten Auflage

Seit Friedemann Horns Neuausgabe der WCR sind über 40 Jahre vergangen, in denen sich in kirchlichen oder religiösen Kreisen vieles verändert hat. Es sind viele neue Splittergruppen entstanden, viele Kirchgenossen von damals sind heute Esoteriker, und parallel zu dieser Entwicklung hat sich das Angebot an Literatur stark vermehrt. Wir sind der Ansicht, in dieser Situation Wichtiges anbieten zu können, müssen uns aber dabei fragen, in welcher Form wir das tun sollen.

Die sowohl von Ernst Benz wie von Friedemann Horn damals noch nachdrücklich vertretene Forderung, man habe Swedenborgs Sprache mit zusammengebissenen Zähnen durchzuackern, jede Erleichterung käme einer Verwässerung gleich, überzeugt uns nicht mehr. Horn selbst hat sich im ausgedehnten Vorwort zu «Himmel und Hölle» (SVZ 1992) deutlich davon distanziert und einer besseren Lesbarkeit das Wort geredet, freilich nicht mit letzter Konsequenz. Man darf aber die Frage, weshalb Swedenborg seine theologischen Werke in Latein geschrieben habe, durchaus in verschiedener Weise beantworten. Es wäre sicher falsch, anzunehmen, die Wissenschaftler seiner Zeit hätten durchweg das Latein bevorzugt; dafür gibt es zu viele Bücher, die in den jeweiligen Landessprachen verfasst sind. Latein ist aber die Sprache der Theologen und Pfarrer gewesen, die Swedenborgs wesentlichste Zielgruppe darstellen; daraus ergibt sich ein hinreichender Grund. Mit der Wahl einer toten Sprache, die sich in ihren Begriffen kaum mehr verändert, hat aber Swedenborg zusätzlich seine Nachfahren gezwungen, sich immer wieder aus ihrer zeitgebundenen Denkstruktur heraus mit der sprachlichen Gestaltung zu befassen. Mit anderen Worten: jede Epoche ist aufgerufen, den eigentlichen Sinn seiner Werke für ihren Bedarf neu zu erforschen und zu formulieren.

Die Hornsche Neuausgabe ist keine völlige Neuübersetzung gewesen, dafür enthält sie zu viele schwer verständliche Schachtelsätze, die es zu vereinfachen galt, und es sind mache typische Ausdrücke aus der Tafelzeit übriggeblieben, die nicht mehr in unser heutiges Sprachempfinden passen. Tafel hat seinerzeit vor der schwierigen Aufgabe gestanden, die von Ernst Benz treffend beschriebenen vieldeutigen Begriffe in eine passende deutsche Form zu bringen. Er hat sie in verschiedenen Fällen gelöst, indem er völlig neue Wörter kreierte, an denen nun seit mehr als 150 Jahren festgehalten wurde, weil die Aufgabe heute immer noch dieselbe ist. Es gibt keine Nomen oder Verben, die den wechselnden Gehalt befriedigend wiedergeben. Man kann jedoch, ohne den ursprünglichen Sinn zu verändern, zu Umschreibungen greifen, die es sogar ermöglichen, sich dem aus dem Zusammenhang ersichtlichen Sinn besser zu nähern.

Dazu hier nur ein Beispiel: Usus bedeutet Nutzen. In sämtlichen bisher erschienenen deutschen Übersetzungen, aber auch im Sprachgebrauch heutiger Leser wird dafür die Tafelsche Konstruktion „Nutzwirkungen“ verwendet, die in keinem Wörterbuch, auch nicht des 19. Jh., zu finden ist. Es gibt dafür kein anderes Argument als die Gewohnheit, denn der einfache „Nutzen“ lässt sich durch „nützliche Arbeit“, „nutzbringenden Gedanken“ „der Allgemeinheit geleistete Dienste“ etc. ersetzen, wie an verschiedenen Stellen bereits zu lesen ist.

Eine zeitbedingte Eigenheit (die allerdings von bedeutender Dauer war) sind die substantivisch verwendeten Adjektive: das Göttliche, das Vernünftige, das Sinnliche. Es ist nun einmal eine Tatsache, daß die deutsche Sprache ihre Schwerpunkte in den Verben hat. Es ist also sicher legitim, diese Ausdrücke, wo immer es möglich ist, in Tätigkeiten aufzulösen oder wenigstens sinnstützende Substantive hinzuzufügen. Aus dem Göttlichen wird dann je nach Zusammenhang Gottes Kraft oder Einfluss oder ein göttliches Wirken. Hierher gehört auch die stereotype Wendung von … her, z. B. „vom Vater her“; denn dabei handelt es sich um das eben genannte Göttliche, also die von ihm ausgehende Kraft.

Hier nun einige häufig auftauchende Ausdrücke, die im ganzen Werk neu übersetzt worden sind:

[A] LATEINISCH [B] BISHER (TAFEL UND HORN) [C] NEU

1[a] usus 1[b] Nutzwirkung 1[c] Nutzanwendung, nützliche Dienste, Nutzen

2[a] recipiens 2[b] Aufnahmegefäß 2[c] dazu geschaffen, etwas aufzunehmen

3[a] repraesentare, repraesentativum 3[b] vorbilden Vorbildung (heute nur noch pädagogisch verwendet) 3[c]darstellen Sinnbild, Symbol

4[a] significare 4[b] bezeichnen (heute = markieren) 4[c] bedeuten, meinen, zeigen

Schwieriger zu behandeln waren die Stellen, an denen Swedenborg nach altphilosophischem Modus Ursachen und Zwecke beschreibt. Begriffe wie Wirkursache, Mittelzweck und dergleichen versteht (und genießt) heute nur noch, wer ihre scholastische Herkunft studiert hat. Von den Lesern, auch den ernsthaftesten, kann man entsprechende Kenntnisse kaum erwarten. Besonders häufig tritt ein Begriffstripel auf, das im Original finis, causa et effectus lautet. Seit Tafel wird es mit Endzweck, Ursache und Wirkung übersetzt, was mit dem heutigen Verständnis der Ausdrücke gar nicht mehr übereinstimmt. S. ging insbesondere von einem Begriff Ursache aus, mit dem in fast beliebig vielen Stufen die ganze Entwicklung eines Vorganges beschrieben werden konnte. Nach heutigem Verständnis muss er aber immer am Anfang stehen, was danach folgt, heißt Wirkung, wobei diese den Beigeschmack von etwas Passivem besitzt, einer durch die Ursache bereits bestimmten Konsequenz. Die alte aktive Bedeutung hat sich z.B. noch im Ausdruck Wirkungsfeld erhalten, der aber auch schon dabei ist, sich aus dem gängigen Wortschatz zu verabschieden. Im Wort eff ectus steckt jedoch das Verb facere=tun, und das ist sicher kein Zufall, besteht doch nach Swedenborg die Religion im Tun von Gutem. Der Sinn des erwähnten Tripels ist also: das Ziel (finis) erkennen, sich mit diesem Ziel auseinandersetzen und einen grundlegenden Entschluss fassen (Ursache) und zuletzt diesen Entschluss in die Tat umsetzen und damit etwas Gutes be«wirken» Zieht man aus diesem Gedankengang drei Begriffe heraus, können sie lauten: Zielerfassung, Grundgedanke und Umsetzung.

Klar ist, dass diese drei Ausdrücke ohne ausführliche Begründung auch nicht den ganzen inliegenden Sinn hergeben, weshalb im Text an verschiedenen Stellen auf dieses Vorwort verwiesen wird.

Heinz Grob

Daniel 7:13-14

Ich sah in den Gesichten der Nacht, und siehe, mit der Himmel Wolken kam einer wie ein Menschensohn. Und diesem wurde gegeben Herrschaft, Herrlichkeit und Reich, und alle Völker, Nationen und Zungen werden ihn verehren. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vorübergeht, und sein Reich wird nicht vergehen.

Offenbarung 21:1-2, 9-10, 5

Ich, Johannes, sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, herabkommen von Gott aus dem Himmel, zubereitet wie eine Braut, geschmückt für ihren Mann. Und der Engel sprach zu mir und sagte: Komm, ich will dir die Braut, des Lammes Weib, zeigen. Und er entrückte mich im Geist auf einen großen und hohen Berg, und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, herabkommend aus dem Himmel von Gott.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sprach zu mir: Schreibe, denn diese Worte sind wahr und gewiss!

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